Bald ist es soweit: die Frauen-Fußball-WM startet. Passend zum Event hat im aktuellen
Teufelskicker-Hörspiel von
Europa auch die Frauennationalmannschaft (wenn auch die U17) etwas beizusteuern.
Europa hat Kommentator Ulli Potofski und Stürmerin Catrina zu einem fiktiven Interview zusammengebracht, das ich hier in langer Fassung abdrucken und in der Audio-Version zum Download bereitstellen möchte ...
Fragen von Catrina an UIli Potofski
1. Gibt es wesentliche Unterschiede zwischen dem Männer- und dem Frauenfußball? Wenn ja, welche?
Klar gibt es ein paar Unterschiede. Man muss da schon ganz ehrlich sein, der Männerfußball ist sehr viel athletischer. Manche sagen sogar, dass Männerfußball eine ganz andere Sportart wäre. Das würde ich aber so nicht unterschreiben wollen, weil mir das in den letzten Jahren immer mehr aufgefallen ist, dass die Frauen technisch unglaublich zugelegt haben. Aber Fakt ist, dass in der Athletik und in der Schnelligkeit natürlich noch ein Unterschied herrscht. Aber sonst finde ich, dass die Frauen auf dem besten Wege sind, irgendwann, auch wenn es vielleicht noch 50 Jahre dauern wird, die Männer zu schlagen.
2. Kann man pauschal sagen, dass Mädchen bzw. Frauen im Fußball etwas besser oder schlechter können als ihre männlichen Kameraden? Wenn ja, was und warum?
Ich bemerke immer wieder, dass die Torfrauen z.B. ein Problem haben, wenn Bogenlampen, also die Bälle hoch in den 16-Meter-Raum, hineinkommen. Da habe ich oft das Gefühl, dass Frauen ein Problem haben, das richtige Timing zu finden. Die Spitzen-Torfrauen sind da aber schon besser geworden in den letzten Jahren.
Um dann auch gleich noch etwas Positives zu sagen, die Mädchen werden technisch immer besser. Eine der besten Fußball-Artistinnen der Welt ist ein Mädchen. Wie die mit dem Ball umgehen kann, das ist einfach fantastisch und einmalig. Und ich glaube, dass Mädchen grundsätzlich sehr viel Gefühl haben, vielleicht mehr Gefühl als die Jungs. Deshalb ist das sicherlich eine Stärke, die die Mädchen weiter ausspielen sollten.
3. Gibt es im Frauenfußball Regeln, die (im Vergleich zum Männer-Fußball) anders sind? Welche? Warum?
Eigentlich gibt es keine Unterschiede. Vor einigen Jahren haben die Frauen eine kürzere Spielzeit gehabt. Das liegt jetzt gut 7-8 Jahre zurück, danach durften dann auch die Frauen 2 x 45 Minuten spielen. Ganz am Anfang waren es nur 35 Minuten, dann hat man 40 Minuten genommen - aber mittlerweile gibt es da keinen Unterschied mehr, alles ist genau wie bei den Männern. Und die Frauen können die Abseitsregel übrigens mittlerweile besser erklären als die Männer.
4. Wie sieht es im Kinder- & Jugend-Fußball aus? Bis zu welchem Alter spielen Jungen und Mädchen zusammen? Wie geht es für die Mädchen / Frauen dann weiter?
Wenn ich das jetzt richtig im Kopf habe, dürfen sie bis 10 Jahren zusammenspielen, danach ist Schluss und man trennt man die Jungen und Mädchen (aus vielerlei Gründen). Aber es ist immer ganz niedlich zu sehen, dass man Jungs und Mädchen manchmal nicht auseinanderhalten kann, wenn die Jungs lange Haare haben. Was mir noch auffällt, ist, dass die Mädchen gerade im Alter von 7-9 Jahren unglaublich ehrgeizig und lauffreudig sind und mir die Jungs manchmal etwas fauler erscheinen. Aber ich will mich gerade nur bei den Mädchen beliebt machen.. J
Wenn sie nicht mehr zusammenspielen, gibt es natürlich eigene Mädchenmannschaften. Wie bei den Jungs gibt es die verschiedenen Klassifizierungen; es gibt eine U15, eine U17-Nationalmannschaft, man spielt in den höheren Ligen, umso besser man wird. Da ist dann kein Unterschied mehr.
5. Gibt es im Frauenfußball (in Deutschland) auch Ligen? Wenn ja, welche und wie viele Teams spielen in einer Liga?
Wir machen das mal von oben nach unten: Die 1. Liga bei den Frauen umfasst 12 Mannschaften. Dann gibt es auch einen Unterbau, die 2. Liga, das ist aber regional noch etwas unterschiedlich. Im Grunde ist es aber wie bei den Männern.
6. Welches sind die Top-Vereine der deutschen Bundesliga? Wer ist aktuell deutscher Meister?
Turbine Potsdam ist im Moment die beste deutsche Mannschaft, die auch gerade im Finale der Champions-League stand, das aber leider verloren hat. Aber auch der FCR Duisburg ist sehr stark. Jahrelang war Frankfurt dominierend, die sind auch immer noch oben mit dabei. Aber das ändert sich gerade ein bisschen. In Leverkusen gibt es jetzt auch eine Bundesliga-Mannschaft, die in der letzten Saison aufgestiegen ist. Und man merkt, dass die Verantwortlichen in Leverkusen sehr viel für ihre Mannschaft tun wollen, man steckt eine Menge Geld in den Verein. Überhaupt ist es in den letzten Jahren sehr viel professioneller geworden.
7. Welche Bedeutung hat der Frauenfußball in anderen Ländern? Welche (berühmten) Vereine (z. B. ManU, Barca, etc.) haben auch (gute) Frauen-Mannschaften?
Der Frauenfußball hat in den letzten 10 bis 15 Jahren weltweit an Bedeutung gewonnen. Erstaunlicherweise ist Nordamerika das große Frauenfußball-Land. Von allen Sportarten, die in den USA betrieben werden, ist es die beliebteste bei den Mädchen – nicht etwa Basketball oder ähnliches.
Es ist aber z.B. nicht so, dass ManU oder Barca anfangen, eine Frauenmannschaft zu unterstützen. Da wird eher am Rande Frauenfußball gespielt, das ist jedoch kein großes Thema dort. Bayern München hat es in Deutschland mal probiert, und der FC Schalke 04 war kurz davor, die Duisburger Frauenmannschaft zu kaufen und in den Verein zu integrieren – aber das ist nicht zustande gekommen. Da ist sicherlich noch Nachholbedarf, man sieht ja in der Bundesliga, dass es selten die großen Namen sind, sondern eher Vereine wie Turbine Potsdam oder den FCR Duisburg. Aber Leverkusen ist nun auf dem Weg, das zu ändern.
In anderen europäischen Ländern ist der Frauenfußball noch nicht so groß wie bei uns. In England gibt es z.B. nur 15.000 aktive Frauen, die man in den Vereinen zählt, das sind nicht so viele. In Deutschland sind es viel mehr, über eine halbe Millionen – da gibt es also allgemein noch Nachholbedarf.
8. Welche internationalen Frauen-National-Mannschaften sind gut? Welche Teams werden bei der WM dabei sein?
Das ist ganz interessant. Wenn man in die Fußballwelt schaut, muss man sagen, dass Brasilien eine tolle Frauenmannschaft hat. Die Frauen sehen nicht nur wunderschön aus, sondern spielen auch genauso gut Fußball wie die Männer. Immer ins Verhältnis gesetzt, ist das ganz ähnlich – dieses Gefühl für Samba und für Musik haben die Frauen auch auf dem Fußballplatz. Deswegen sind die Brasilianerinnen absolute Weltklasse. Aber, wie erwähnt, in den USA ist Frauenfußball ganz groß, deswegen wird man die Amerikanerinnen auch bei der WM ganz vorne erwarten können. Japan, sagt man, könnte sowas wie der Geheimfavorit sein. Oder aber Nordkorea, die wirklich darauf getrimmt werden, nur Fußball zu spielen – und sind daher auch immer ganz weit vorne zu erwarten. Die Schwedinnen könnten ebenfalls eine große Rolle spielen – aber vielleicht gibt es auch eine ganz große Überraschung. Und die deutsche Mannschaft gilt, zumal im eigenen Land, als absoluter Titelfavorit!
9. Was fasziniert Dich am Frauenfußball?
In der vergangenen Saison habe ich zum ersten Mal ein Frauen-Fußballspiel live übertragen dürfen. Der DFB hat eine Internetplattform, auf der Bundesliga-Spiele der Frauen komplett live über 90 Minuten übertragen werden. Da habe ich Leverkusen gegen Duisburg kommentiert, und das war faszinierend, weil es für mich über weite Strecken angenehmer war, da es nicht dauernd üble Fouls gab und technisch ein wirklich hohes Niveau hatte. Zudem hat Inka Grings drei Tore geschossen, und sie war immer zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Sie hat das so beiläufig gemacht – und diese Mischung aus technischen Fähigkeiten und dem absoluten Abschluss hat mir wirklich sehr imponiert. Und was mich begeistert ist, dass es einfach ein ganzes Stück weit fairer ist als bei den Männern.
10. Im Gegensatz zu den Männern sind fast alle Frauen, die Fußball spielen, Amateure. Warum ist das so? Welche Vor- oder Nachteile ergeben sich daraus?
Da müssen wir ein bisschen differenzieren. In der 1. Bundesliga verdienen die Frauen durchaus ordentliches Geld – auch wenn es überhaupt nicht mit den Summen vergleichbar ist, die die Männer in der 1. Bundesliga verdienen. Aber alle Frauen in der 1. Liga bekommen Geld, und die Spitzenspielerinnen, die auch in der Nationalmannschaft spielen, können durchaus gut davon leben, dass sie Fußball spielen. Da hat sich also schon einiges geändert.
Aber wenn wir über Vor- und Nachteile in dem Zusammenhang reden, dann muss man schon sagen, dass es auch einfach schön ist, wenn Hunderttausende nur aus Spaß Fußball spielen und gar nicht daran denken, dass es dafür Geld geben könnte (wenngleich manche das im Hinterkopf haben). Und es hat sogar mal ein Angebot für Birgit Prinz gegeben, in einem Männerteam in Italien zu spielen. Aber – um ehrlich zu sein – das war am Ende ein reiner PR-Gag.
Trotzdem hat sich einiges getan: wenn man an die erste erfolgreiche Nationalmannschaft denkt, die für den Titelgewinn damals ein Kaffeeservice bekommen hat, als Preis für den Titelgewinn. Mittlerweile gibt es da schon richtig viel Geld für.
11. Glaubst Du, dass Frauenfußball in Deutschland in den nächsten Jahren weiter an Popularität gewinnen wird? Ist der Gewinn der diesjährigen WM dafür entscheidend?
Das ist eine ganz spannende Frage. Der Frauenfußball hat in den letzten Jahren unglaublich dazugewonnen. Man sieht es bei den Länderspielen, das schauen sich bis zu 6 Mio. Menschen im Fernsehen an, und auch die Stadien sind dann gut gefüllt, da kommen bis zu 30.000 Zuschauer, um sich ein Spiel anzuschauen. In der Bundesliga ist es noch nicht so, das muss man ehrlich sagen. In Leverkusen kommen bis zu 500 Zuschauer, in Duisburg sind es auch mal bis zu 3.000, wenn sie gegen Potsdam spielen. Von daher ist es wichtig, dass die Frauen jetzt bei der WM so richtig auf den Putz hauen und auf sich aufmerksam machen. Wenn ihnen das gelingt, wird der Frauenfußball auf jeden Fall ein fester Bestandteil bleiben, auch in der Fernsehszene. Aber ich glaube nicht, dass der Frauenfußball in nächster Zeit auch in der Bundesliga bis zu 10.000 Zuschauer haben wird – aber das muss vielleicht auch gar nicht so sein.
Fragen von Ulli Potofski an Catrina
1. Catrina, Du spielst als eines von zwei Mädchen seit einiger Zeit bei Blau-Gelb, besser bekannt als „Die Teufelskicker“. Hast Du das Gefühl, dass Fußball für Mädchen ein eher ungewöhnliches Hobby ist? Wie reagieren zum Beispiel Schulfreunde, wenn Du sagst, dass Du im Verein Fußball spielst und nicht z.B. reitest oder turnst?
Ist das wirklich so ein ungewöhnliches Hobby? Das finde ich wirklich nicht, bei uns im Verein sind mittlerweile so viele Mädchen, die Fußball spielen. Gut, als ich vor ca. 5 Jahren angefangen habe, war ich eines von ganz wenigen Mädchen in der Mannschaft. Heute ist das anders, und die meisten meiner Freunde finden mein Hobby klasse. Und da meine Cousine auch Fußball spielt, fand meine Mutter es nicht komisch, dass auch ich im Verein spielen wollte. Im Gegenteil, sie findet Mannschaftssportarten toll sind und man sich nicht nur fit hält, sondern auch vieles über Fairness und Teamgeist lernt.
2. Spielst Du gerne bei den Jungs mit?
Ja, total gerne! Ich mag es, wenn das Spiel schnell ist und ich habe auch kein Problem damit, wenn es mal ruppiger zugehen sollte. Ich bin ja nicht aus Zucker..
3. Wo sind Deiner Meinung nach die Mädchen besser (z. B. Taktik, Spielübersicht, etc.)? Und wo sind die Jungs besser?
Allgemein kann ich das gar nicht sagen. Jeder hat doch etwas, was er besonders gut kann, und etwas, was er weniger gut kann. Das hat nicht unbedingt damit zu tun, ob man ein Junge oder ein Mädchen ist.
Vielleicht haben Mädchen manchmal die bessere Übersicht, was auf dem Spielfeld passiert. Man sagt doch, dass Frauen viel besser mehrere Dinge gleichzeitig tun können. Und ich hab manchmal das Gefühl, dass wir Mädchen schneller ahnen, wer wen als nächstes anspielen und wer wohin laufen wird.
4. Spielen die Jungs Dir manchmal zu hart oder zu unfair?
Nein, eigentlich nicht. Und es ist ja auch der Job des Schiedsrichters, darauf zu achten, dass das nicht passiert. Nur schneller sind die Jungs manchmal – da gibt es so einige, bei denen ich Schwierigkeiten habe, hinterher zu kommen.
5. Hast Du aus dem Frauenfußball ein Vorbild?
Ja, aber das ist witzigerweise keine Spielerin, sondern Silvia Neid, die Trainerin der deutschen Nationalmannschaft. Sie macht den Job nun schon seit 6 Jahren, und war vorher fast 10 Jahre Co-Trainerin. Und ich finde es toll, wie sie die Mannschaft aufgebaut hat und was sie aus ihr gemacht hat – das ist wahnsinnig faszinierend.
6. Was fasziniert Dich am Frauen-Fußball?
Eigentlich nichts anderes als das, was mich auch am Männer-Fußball fasziniert. Fußball ist ein Mannschaftssport, ein Teamsport. Eine Mannschaft kann nur dann gewinnen, wenn alle zusammen spielen, wenn jeder nicht für sich, sondern auch für die anderen kämpft. Außerdem ist Fußball ein schön anzusehender Sport – nicht umsonst nennen die Engländer es „The Beautiful Game“ – also „das schöne Spiel“. Als Spielerin macht es einfach Spaß, 90 Minuten lang alles zu geben, zu rennen, zu kämpfen und jede Sekunde um den Sieg zu zittern. Und sich mit allen anderen freuen, wenn man gewonnen hat – das ist fast das schönste Gefühl, dass es für mich auf der Welt gibt.
7. Hast Du das Gefühl, dass die Jungs Dich genauso behandeln, wie ihre männlichen Gegenspieler oder nehmen sie z.B. in Zweikämpfen manchmal Rücksicht auf Dich?
In Zweikämpfen Rücksicht auf mich nehmen? Niemals! Im Gegenteil - manchmal habe ich das Gefühl, die haben es alle auf mich abgesehen. Nein, im Ernst, da gibt es ja noch einen Schiedsrichter, der hoffentlich eingreift, wenn jemand zu hart einsteigt.
8. Musstest Du Dir Deine Position in der Mannschaft schwer erkämpfen?
Nein, eigentlich nicht, denn ich wollte immer schon in der Abwehr spielen. Für eine Stürmerin wäre ich einfach nicht schnell genug. Die einzige andere Position, die ich mir für mich noch vorstellen könnte, wäre im hinteren Mittelfeld, also als 6er, als Abräumerin vor der Abwehr. Die Position ist schon umkämpfter, weil es eigentlich nur einen 6er gibt, wenn überhaupt. In der Abwehr habe ich meinen festen Platz, und so lange ich meinen Job da gut mache, muss ich mir um meine Aufstellung und meine Position keine Sorgen machen. Hoffe ich zumindest. J
9. Ein Vereinskamerad von Dir hat gesagt, dass Mädchen viel schneller ins Team der Nationalmannschaft kommen als Jungen, weil es ja insgesamt gar nicht so viele Mädchen gibt, die professionell Fußball spielen. Meinst Du, er hat recht?
Einerseits ja, andererseits nein. Es gibt eben doch nach wie vor mehr Jungen als Mädchen, die Fußball spielen. Also ist es von der mathematischen Wahrscheinlichkeit her einfacher für ein Mädchen, in die Auswahl der 20-25 besten Frauen Deutschlands zu kommen. Aber von den sportlichen Anforderungen ist es sicher nicht einfacher. Eine Frau, die für die deutsche Nationalmannschaft spielt, muss mindestens genauso fit sein und genauso viel trainieren wie ein Mann, der in der Nationalmannschaft spielt.
Die Audiofiles findest Du hier:
Quelle: Europa Presse-Service