Die Erzählung "Montauk" zählt zu den Höhepunkten des Prosawerkes von Max Frisch. In jedem Fall ist dieses Buch über die Liebe ein radikal subjektives Stück Literatur, das bis heute Maßstäbe setzt. Zum 100. Geburtstag des Schweizer Schriftstellers präsentiert SWR2 am 8. und 15. Mai 2011 erstmals eine Hörspielfassung von "Montauk" (Produktion SWR/SRF). In einer Collage aus Erinnerungen, Tagebuchauszügen und Selbstreflexionen seziert Frisch in der 1975 veröffentlichten Erzählung sein Lebens- und Liebesbild. Die Hörspielbearbeitung von Leonhard Koppelmann ergänzt die offene Struktur der literarischen Vorlage mit Briefen von Uwe Johnson und Marianne Frisch, die sich als persönlich Betroffene mit der Frage auseinandersetzen: Wie privat darf eine Veröffentlichung sein? Unter der Regie von Leonhard Koppelmann ist Ueli Jäggi in der Rolle des Max zu hören. Die weiteren Hauptrollen sprechen Monica Gillette (Lynn), Thomas Sarbacher (Uwe) und Susanne-Marie Wrage (Marianne).
Zur Einstimmung gibt es ein kurzes Interview, dass der SWR zur Verfügung gestellt hat:
Fragen an Leonhard Koppelmann
Was macht „Montauk“ für eine Hörspielbearbeitung reizvoll?
Der radikale literarische Entwurf Max Frischs, einen kurzen Zeitabschnitt seines Lebens, nämlich ein paar Tage im Mai 1974 in Amerika, zum Initial einer umfassenden Lebensre-flexion zu machen, hat bis heute nichts von seiner Unmittelbarkeit und seiner poetischen Schönheit eingebüßt. Denkt man an gegenwärtige literarische Echtzeit-Blogs, hat Max Frisch seiner Zeit weit vorgegriffen. Insgesamt betrachtet liegt der Reiz der Bearbeitung von „Montauk“ für das Hörspiel in der Summe der Teile: Hier gilt es erst einmal ein wichtiges Stück Literatur wiederzuentdecken – ein Teil unserer Arbeit als Hörspielbearbeiter und -regisseure betrifft ja auch die Literatur¬vermittlung. Dann reizt mich im Besonderen die „doku-dramatische“ Erscheinungsform der Erzählung, also einerseits Journal, Zeitdokument, und andererseits eben die literarische und poetische Überhöhung des Alltäglichen. Das möchte ich hörbar machen – quasi ein Max-Frisch-Feature ohne O-Ton und doch nur mit den Worten von Max Frisch erzählt.
In der Hörspielbearbeitung erweitern Sie die literarische Vorlage um biografisches Material aus Max Frischs Leben, gehen also ähnlich vor wie er selbst – aus welchen Ebenen besteht das Hörspiel „Montauk“?
Tatsächlich spielen acht Briefe und ihre jeweiligen Anlagen in meiner Bearbeitung eine wichtige Rolle. Max Frisch trieb die Sorge um, seine Frau Marianne könnte sich gegen die Veröffent¬lichung von „Montauk“ stellen, und bat darum seinen Freund Uwe Johnson um Unterstützung gegen diesen von ihm erwarteten Widerstand Mariannes. „Montauk“ dokumentiert eben auch den Konflikt von künstlerisch-schriftstellerischem Ich und biografischem Ich.
„Montauk“ ist ein Versuch des „aufrichtigen Schreibens“: Frisch wollte erzählen können, ohne irgendetwas dabei zu erfinden. Was war sein Anliegen?
„Montauk“ ist ein Auftrag, eine Aufgabe, die sich der Autor stellt: in seinem Reflexionspro¬zess auch dahin zu gehen, wo ihn die Literatur, wo ihn seine Kunst und Kunstfertigkeit nicht mehr vor dem Tatsächlichen schützt. Autobiografien, Memoiren, Selbstbildnisse zeichnen doch oft ein allzu geschöntes Bild ihrer Autoren und da geht Max Frisch eben bedeutend weiter. Doch wäre Max Frisch nicht Max Frisch, wenn sich dies in einer schonungslosen Selbstreflexion erschöpfte. Zum Dokumentarischen tritt bei ihm ein unbedingter Gestal¬tungswillen: Je näher er sich auf Objekt und Subjekt zubewegt, je banaler und alltäglicher das Erlebte und Beschriebene wird, desto kunst¬fertiger und feiner wird die literarische Struktur, in die er seine Beobachtungen und Reflexionen webt. Er erhebt so das Dokumen¬tarische gleichsam zum Poetischen, erweitert die Erzählung hin zum fast Lyrischen.
Als Bearbeiter und Regisseur wollen Sie mit Hilfe des biografischen Materials der Briefe die Schwierigkeit dieses „aufrichtigen“ Schreibens im Hörspiel selbst zum Gegenstand machen. Wie muss man sich das vorstellen?
Inszeniert habe ich das Stück fast wie ein Feature, eine Dokumentation. Ein O-Ton-Stück ohne O-Töne, darin akustische Dias, Geräuschmontagen, die hyperrealistische Sounddoku-mente darstellen, aber eben darstellen und nicht sind. Im Kontrast dazu stehen die Klang-flächen und Kompositionen des Schweizer Ausnahme-Perkussionisten Fritz Hauser, als sinnliche Entsprechung des Lyrisch-Poetischen in Frischs Erzählung.
Welche Rolle spielten dabei die Sprecher?
Ohne die stimmliche Fügung von und durch Ueli Jäggi, wäre das alles natürlich nur eine Kopf¬geburt: Er balanciert seinen Max Frisch zwischen vorsichtigen Frisch-Assoziationen und ganz persönlicher Direktheit. Der in der Erzählung eingeschriebenen Mehrstimmigkeit und Zwei¬sprachigkeit haben wir versucht in der Realisation zu entsprechen: Im Ich-Erzähler fin¬det sich eine größere Privatheit, das Schweizerische klingt zart durch, die repräsentative Gefasstheit tritt hinter eine vermeintliche Unmittelbarkeit zurück. In der auktorialen Erzählung hingegen arbeitet Ueli Jäggi ganz aus der Weltübersicht und literarischen Gewandtheit des Autors. In den kurzen dialogischen Fetzen dann herrscht amerikanisches Englisch vor und dokumentiert die Ich-Verlorenheit des Autors an fremdem Ort und in seltsam entrücktem Handlungsbezug, manch¬mal fast satirisch. Der amerikanischen Sprecherin Monica Gillette gelingt es in ihrem Hörspieldebüt, die Figur der Lynn trotz ihrer skizzenhaften Anlage zu einem Zentrum zu machen und zum Kontra¬punkt von Marianne, die von Susanne-Marie Wrage gesprochen wird. Zusammen mit dem von Thomas Sarbacher gespielten Uwe Johnson hat sich hier ein Ensemble konstituiert, das sich eben auch am Dokumentarisch-Dramatischen abarbeitet. Wie geht man mit dem Dokument in der Dramatisierung um? Das haben wir uns während unserer Arbeit ständig gefragt.
Wie ist Ihre eigene Haltung zum Verhältnis von Literatur und Vergänglichkeit?
Kunst ist immer Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit in einem. Ein Werk in der Vergangen-heit für eine unbestimmte Zukunft geschaffen (wer sagt da Ewigkeit?), gewinnt durch jedes neue Betrachten, Lesen, Hören seine Gegenwart zurück. Wenn wir uns einem literarischen Text, einem Bild, einem Musikstück aussetzen, dann kommunizieren wir durch die Zeiten – wir treten in einen Dialog zwischen Gegenwart und Vergangenheit, und die Intensität dieses Dialogs bestimmt die Zukunftsfähigkeit dieser Kunst. Und ich glaube unbedingt daran, dass sich in Romanen, Bildern, Filmen, Hörspielen, Musikstücken, Gedichten Raum und Zeit überwinden lassen – das sind die schönsten Trips, und man hat danach selten einen Kater.
Vielen Dank für das Gespräch!
Quelle: SWR-Presse-Newsletter
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